Brief an einen jungen schwulen Katholiken

Internationale Zeitschrift für Theologie Concilium, 2008-1
Castellano • English • Hrvatski • Português

Carissimo ,

was für ein Privileg, dass ich die Chance habe, dir zu schreiben! Es ist so groß, dass ich das Wort „du“ noch ein bisschen auskosten möchte. Und ich möchte dich bitten, dir klar zu machen, wie neu diese Anrede ist und wie offen!

Wie oft bist du in einer katholischen Publikation schon mit „du“ angesprochen worden? Nicht mit jenem nichtssagenden Du aus den Annoncen, wo Fragen gestellt werden wie: „Hast du schon einmal darüber nachgedacht, Priester oder Nonne zu werden?“ Diese Annoncen meinen nicht wirklich dich. Sie meinen „jemanden, der in jeder Hinsicht so ist wie du, nur eben nicht schwul oder zumindest besser darin, es zu verbergen“. Wenn sonst in katholischen Publikationen von schwulen Angelegenheiten die Rede ist, wird der Stil plötzlich merkwürdig steif, und es erscheint ein geheimnisvolles „sie“. Dieses „sie“ stammt offenbar von einem anderen Planeten als dem, den du bewohnst. Und wer dieses „sie“ benutzt, lebt tatsächlich auf einem anderen Planeten, einem Planeten, wo ein seltsamer Sauerstoffmangel die Benutzung der Pronomen „ich“, „du“ und „wir“ unmöglich macht. Wenn jemand beginnt, diese Pronomen zu benutzen, spürst du schon bald, dass einzig und allein ihre Heterosexualität ihnen diese Freiheit gibt – und dass sie ehrlich genug sind einzugestehen, nicht wirklich zu wissen, was es damit auf sich hat.

Vielleicht hast du schon einmal versucht, darüber zu sprechen, dass du schwul und katholisch bist: mit einem Priester oder sogar mit einem Bischof, bei dem dein schwuler Radar dir gesagt hat, dass er zur „Familie“ gehören könnte. Und dann hast du wahrscheinlich bemerkt, dass trotz ihres aufrichtigen Wunschs, freundlich zu sein, eine unterschwellige Reserviertheit in ihre Stimme tritt. In ihrem Inneren ist eine Art einstweiliger Verfügung in Kraft, und wenn sie „du“ sagen, merkst du, dass das „ich“, das spricht, den Modus gewechselt hat: Es hat sich maskiert, ist irgendwie offiziell geworden, und das „du“, mit dem sie dich ansprechen, ist ohne Lebenshauch. Stattdessen trägt es ein Etikett, ist ausgewiesen als etwas, das „mit extremer Vorsicht behandelt werden muss“.

Hinter der sprechenden Stimme und ebenso laut wie alles andere, was gesagt wird, lässt sich ein „aber“ vernehmen, und dieses „aber“ meint: „du, aber nicht so, wie du bist“.

Jetzt aber bist du hier, liest eine katholische Publikation, nimmst teil an jenem gewaltigen und phantastischen weltweiten Kommunikationsnetzwerk, das zu den Freuden des Katholischseins gehört – und plötzlich darf etwas Neues geschehen. Denn du, ein Katholik, der zufällig schwul ist (was immer das bedeutet), wirst als der, der „du“ bist, von einem Katholiken angesprochen, der in der Lage ist zu sagen: „Ich bin ein Katholik, der zufällig schwul ist, was immer das bedeutet.“ Ich darf zu dir sprechen, zu dir, dem bewusst ist, dass du am Anfang einer Lebensgeschichte stehst, in der dein Schwulsein eine Rolle spielt. Und ich habe die Chance, zu dir zu sprechen: nicht in Ausübung einer offiziellen Funktion, sondern als ein Bruder, ein Bruder mit einem Stück Lebensgeschichte, zu der auch gehört, dass ich ein offen schwul lebender Mann bin. Ich habe die Chance, dich von derselben Ebene aus anzusprechen, auf der auch du stehst. Ich weiß nicht besser als du selbst, wer du bist, ja, ich weiß nicht einmal sehr viel darüber, wer ich bin. Und doch ist etwas Neues geschehen. Es ist möglich geworden, dass das Wort „du“ in einer katholischen Mainstream-Publikation offen ausgesprochen wird, in einer Weise, die hoffentlich in deinem Dasein einen kreativen Nachhall erzeugen wird, und ausgesprochen von einem „ich“, das durch ein Leben als offen schwul lebender Mann innerhalb der katholischen Kirche erweitert und gedehnt worden ist.

Als ich mit dem Privileg konfrontiert wurde, an dieser Kommunikation teilzunehmen, wollte ich, wie alle Feiglinge, spontan einfach nur weglaufen. Denn ein Privileg ist eine Verantwortung. Und dieses spezielle Privileg ist zudem besonders ehrfurchtgebietend, denn eigentlich kann nur Einer dich so als ein „du“ ansprechen, dass er dich mit dieser Anrede ins Dasein ruft, ohne dich zu verbiegen oder zu bedrängen. Und das ist unser Herr selbst. Er hat diese Fähigkeit erworben, indem er durch den Tod hindurchgegangen ist: Deshalb ist er in der Lage, dich und mich ins Dasein zu sprechen und uns beiden ein „ich“ zu geben, das nicht vom Tod und der Furcht vor dem Tod beherrscht ist. Es ist alles andere als einfach, einen anderen so mit „du“ anzureden, dass man ihn durch diese Anrede ins Dasein ruft.

Wenn die offiziellen Lehrer unserer Kirche sich auf sich selbst besinnen – und das tun sie meistens, wenn sie in der Defensive sind –, dann weisen sie darauf hin, dass das, was sie als „Lehramt“ bezeichnen, niemals ein Ersatz für das Gewissen, sondern immer nur eine Stimme sein kann, die neben deiner eigenen und auf derselben Ebene erklingt und ebenso wie sie vom Atem unseres Herrn getragen wird. Eine Stimme, die dich ermutigt, dich berät, dir hilft, dein Gewissen zu bilden – und niemals eine Stimme, die dich übertönt, sodass du nur noch auf sie hörst und dir nicht mehr die Mühe machst, deine eigene Stimme zu finden.

Damit haben sie völlig recht. Und ich habe, wenn ich mit dir spreche, nicht das Recht, weniger vorsichtig zu sein als das Lehramt. Wie du siehst, liegt der Unterschied zwischen meinem Versuch, dich als „du“ anzusprechen, und dem Versuch des Priesters oder Bischofs mit der Reserviertheit, dem unterschwelligen „aber“ in seiner Stimme, nicht darin, dass er ein Heuchler ist und ich nicht, dass er Zwängen unterworfen ist und ich nicht. Nein: Ich bin ein ebensolcher Heuchler wie er, und ich bin ebensolchen Zwängen unterworfen. Auch in meiner Stimme gibt es ein unterschwelliges „aber“, wenngleich es sich nicht auf dich bezieht. Doch ich wäre nicht ehrlich, wenn ich behaupten wollte, dass mein Bestreben, die Kirche als schwuler Mann zu lieben, im Resonanzboden meiner Stimme keine Kratzer hinterlassen hätte. Dieselben Realitäten, die den Priester oder Bischof dazu veranlassen, auf angespannte und unnatürliche Weise zu dir zu sprechen, zwingen mich dazu, lange und gründlich darüber nachzudenken, wie ich zu dir sprechen soll. Und ich wage gar nicht daran zu denken, wie unzulänglich du mich fändest, wenn du von Angesicht zu Angesicht mit mir sprechen würdest, statt mir in dieser Maske aus Worten zu begegnen, Worten, die ich korrigieren und überarbeiten und verändern kann, ehe sie dich erreichen.

Wenn es zwischen der Stimmlage, in der ich zu dir spreche, und der, an die du gewöhnt bist, einen Unterschied gibt, dann ist dies weitgehend Zufall oder Fügung, je nachdem, wie du es interpretieren möchtest. Und ja: Du wirst es interpretieren müssen, du wirst entscheiden müssen, ob ich, der ich dich als „du“ anspreche, dies dank einer Panne oder einem Riss im System tun kann oder ob du in dieser nicht autorisierten Stimme, die hier zu dir spricht, etwas von der Stimme des Hirten hörst, die du kennst und vor der du keine Angst hast. Ich kann nicht den Anspruch erheben, ein Organ für diese Stimme zu sein. Niemand von uns kann das. Wir können nur hoffen, dass wir eingesetzt oder auf unseren Einsatz vorbereitet werden. Doch nur diejenigen, die jeder Einzelne von uns anspricht, können wahrnehmen, wer zu ihnen spricht, was für eine Mischung von Stimmen das ist, die da über unseren Äther gesendet wird.

Wenn es einen Unterschied gibt, dann, so möchte ich gestehen, beruht er auf einem Akt von Trotz oder Starrsinn meinerseits. Einer Weigerung, etwas zu glauben. Das ist das unterschwellige „aber“ in meiner Stimme. „… Aber der Gott, der uns in Jesus offenbart wurde, hätte doch unmöglich diesen kleinen Teil der Menschheit, der schwul und lesbisch ist, in eine solche Zwickmühle gebracht, wie die Kirche es tut. Er hätte auf keinen Fall gesagt: ‚Ich liebe dich, aber nur, wenn du ein anderer wirst‘, oder: ‚Liebe deinen Nächsten, aber in deinem Fall nicht wie dich selbst, sondern als ob du jemand anders wärst‘, oder: ‚Deine Liebe ist zu gefährlich und zerstörerisch, finde etwas anderes, das du tun kannst‘.“ Und ein Akt von Trotz oder Starrsinn scheint für einen Katholiken kein sehr guter Anfang. Trotz oder Starrsinn haben einen teuflischen Klang. Es sei denn, diese Weigerung, etwas zu glauben, beruht auf der festen Überzeugung, dass jemand ein guter Mensch ist und es daher ein schweres Unrecht wäre, ihn der Handlungsweisen für fähig zu halten, die ihm unterstellt werden.

Du und ich, wir können uns eine Frau vorstellen, die sich weigert, an die Schuld ihres Mannes zu glauben, obwohl ein ordentlich bestalltes Gericht und eine Geschworenenjury ihm vorwirft, Gelder hinterzogen zu haben. Alle Indizien scheinen dafür zu sprechen, doch die Frau weigert sich trotzig und starrsinnig zu glauben, dass ihr Mann etwas Derartiges getan haben könnte, obwohl er selbst bei seiner eigenen Verteidigung zuweilen ins Schwimmen gerät und ihr damit vielleicht sogar signalisieren will, dass sie nicht zu ihm halten muss. In manchen Fällen wird der Prozess mit einer neuen Beweislage oder veränderten Umständen enden, die den Mann vollständig entlasten und zeigen, dass die Frau Recht hatte, unbeeindruckt von der öffentlichen Verleumdung weiter an seinen guten Charakter zu glauben. In anderen Fällen dagegen wird es kein glückliches Ende geben, und alle, die dabei waren, werden die Frau als pathetische und realitätsferne Person betrachten, die sich solange selbst belogen hat, dass sie nun nicht mehr zu akzeptieren vermag, dass ihr Mann ein Betrüger ist.

Nun, ich will ehrlich zu dir sein! Ich bin eine solche trotzige und starrsinnige Frau, und die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Ich weiß nicht, ob meine Weigerung zu glauben, dass Gott schwule und lesbische Menschen so behandelt, wie die Dorfältesten und der örtliche Gerichtshof es sagen, aus dem Glauben an eine Liebe erwächst, die sich als wahr herausstellen wird, oder schlicht ein Zeichen meiner Selbsttäuschung und Realitätsflucht ist. Ich weiß es nicht, und du weißt es auch nicht. Diejenigen, die mit Reserviertheit in der Stimme zu dir sprechen, wissen genau, dass beides möglich ist, und sind ernsthaft um deine Sicherheit besorgt. Deshalb wollen sie dich nicht auf eine so gefährliche Reise schicken.

Ja, ich will ehrlich zu dir sein. Es fällt mir nicht leicht, dich an den Platz der trotzigen Frau zu rufen, denn solange die Geschichte nicht zu Ende ist, ist es ein Platz der Verwundbarkeit und Unsicherheit. Es ist ein furchteinflößender Platz. Denn ich kann dir keine Lösung anbieten. Ich weiß nicht, ob es nicht arrogant von mir ist zu sagen: „Lieber will ich dieses Wagnis eingehen, hindurchgehen durch diese Angst, dass das Schwulsein nur eine Lüge, eine Form der Selbsttäuschung ist, die nirgendwohin führt, lieber will ich mich der Furcht stellen und darauf vertrauen, dass der Geist Gottes sie vertreibt, die Angst als Trugbild entlarvt und mich Kind werden lässt – lieber das, als mich an die Meinung zu klammern, dass die Angst unserer Sicherheit dient und uns vor dem Abgrund der Sinnlosigkeit schützt, und mich von dem klugen ‚Nein‘ unserer kirchlichen Tradition leiten zu lassen.“

Wie du siehst, verachte ich dieses kluge „Nein“ nicht mehr. Früher habe ich es verachtet. Früher habe ich die Feigheit, die Doppelgesichtigkeit und die Lügen gehasst. Doch nun weiß ich, was es kostet, sich von alledem zu befreien, und ich weiß auch, wie vorsichtig ich sein muss, wenn ich mit dir spreche. Denn wer von uns kann sagen, ob es ein launenhafter Heldenmut oder tatsächlich der Odem des Herrn ist, der uns treibt und uns zuruft „Duc in altum!“ – „Fahr hinaus auf den See!“ (Lk 5,4)? Dorthin, wo es nach Ansicht der Klugen keine Fische gibt, keine Menschen, die es verdienen, als Ebenbürtige geliebt zu werden, sondern nur einen Strudel ungeordneter und unheilbarer Sehnsüchte. Aus diesem schützenden „Nein!“ herauszutreten, zu glauben, dass jemand mich ohne jenes gefürchtete „aber“ als ein „du“ anspricht, bedeutet, nackt vor dem Geist und verwundbarer denn je vor meiner eigenen Selbsttäuschung zu stehen. Und die Lösung erfahren wir erst, wenn die Netze an Land gezogen werden, und das werde ich und wirst du vielleicht nicht mehr erleben.

Nein, ich will nicht behaupten, dass es leicht oder selbstverständlich ist, ein offen schwul lebender Katholik zu sein. Ganz im Gegenteil. Allein die Tatsache, dass du einen Brief wie diesen hier überhaupt lesen willst, ist schon ein Zeichen dafür, wie viele Hindernisse du bereits überwunden haben musst. Vielleicht hast du Hass und Diskriminierung erfahren: in deinem eigenen Land, von Familienmitgliedern, in der Schule, von Gesetzgebern, die nach billigen Stimmen haschen, von reißerischen Schlagzeilen, die deine Seele verbrennen und so grell sind, dass dir nichts einfällt, was du zu deiner Verteidigung sagen könntest. Und du hast vermutlich festgestellt, dass die Kirche, die sich selbst als deine Heilige Mutter bezeichnet und dies auch ist, angesichts dieses Hasses und dieser Furcht bestenfalls schweigt. Während ihre Wortführer sich wahrscheinlich allzu oft auf das Niveau zweitklassiger Politiker herabgelassen und ihre Stimme dem Hass geliehen haben, obwohl sie doch behaupten, für die Liebe einzutreten. Die bloße Tatsache, dass du inmitten all dieser hasserfüllten Stimmen, durch sie hindurch und ihnen zum Trotz die Stimme des Hirten gehört hast, der dich in seine Herde ruft, ist schon ein viel größeres Wunder, als du ahnst, und bereitet dich auf ein viel subtileres und zarteres Werk vor, als diese Stimmen es sich vorstellen können.

Weil du an dem Glauben festhältst, der dir mitgegeben worden ist, wirst du alle Verachtung erfahren, die die moderne Welt der katholischen Kirche entgegenbringt – man wird dich für jemanden halten, der wenig Wertvolles zu bieten hat. Und weil du katholisch bist, werden deine Zeitgenossen bei allen nur denkbaren Projekten, die sie auf den Weg bringen wollen, in dir immer nur eine Art Verräter sehen. Das ist Revierverhalten und nicht weiter überraschend. Darüber hinaus aber wirst du auch innerhalb der Kirche als eine Art Verräter betrachtet werden. „Nicht wirklich einer von uns.“ Und ganz sicher niemand, der die Kirche öffentlich vertreten und sichtbarer Teil des Zeichens sein kann, das zum Heil führt. Wie könnte es auch anders sein? Denn wenn Schwulsein ein Fehler in der Schöpfung ist, wie man sagt, dann kann sich die Gnade nur daran erweisen, dass das Schwulsein aus deiner oder meiner Identität getilgt wird.

Sei also nicht überrascht, dass man diejenigen für loyal und vertrauenswürdig hält, die jeden nur vorstellbaren psychologischen Irrweg verfolgen, um wissenschaftliche Anhaltspunkte dafür zu finden, dass Schwulsein pathologisch ist. Man wird sie dafür loben, dass sie ein „Zeichen des Widerspruchs“ sind und sich gegen den Zeitgeist stemmen. Du dagegen wirst, wenn überhaupt, als ein schlechter Katholik betrachtet werden. Denn während sich die evangelikalen Gruppen inzwischen von ihrer „reparativen Therapie“ und der „Ex-Gay- Bewegung“ distanziert und die Gruppenleiter sich für die Irreführung der Gläubigen entschuldigt haben, finden dieselben Ideen nun bei Katholiken Rückhalt und Unterstützung, weil sie der gängigen katholischen Lehre schmeicheln. Doch du solltest vor diesen Ideen keine Angst haben und diejenigen, die sie verbreiten, nicht hassen. Sie sind unsere Brüder. Die bloße Tatsache, dass diese Brüder die Wahrheit der kirchlichen Lehre auf die Basis naturwissenschaftlicher Erkenntnisse zu stellen versuchen, bedeutet, dass die Evidenz dieser Wahrheit uns letztlich befreien wird. Und diese Wahrheit wird größer sein als du oder ich oder sie sich jetzt vorstellen können, und sie wird uns alle befreien.

Doch was ist mit der langen „Zwischenzeit“? Für dich, der du bei deinem Namen gerufen bist, und für mich, der ich lerne, ein „ich“ zu empfangen, beinhaltet Katholischsein eine Berufung zu einer Art priesterlichem Dienst, einer Art kreativem Vollziehen, einer Art öffentlicher Nachahmung des Lebens und Sterbens unseres Herrn. Ich will dir nichts vormachen: Du wirst feststellen, dass du einen solchen Dienst ausübst, so wie ich selbst einen solchen Dienst ausübe, und das ohne jeglichen öffentlichen Rückhalt vonseiten kirchlicher Autoritäten. Es wird sein, als ob du nicht existiertest. Du wirst lernen müssen, in der Stille der Nichtbilligung und der Nichtmissbilligung zu leben. Du wirst den Blicken der Menschen entzogen sein, und wenn du dich ebenso verzweifelt wie ich danach sehnst, dass jemand dich zustimmend ansieht, dann wirst du dies wie eine Art Tod empfinden. Denn jedem von uns ist es gegeben, das, was wir sind, durch den Blick der anderen zu sein, und wir erwidern diesen Blick, lassen es zu, dass er uns unsere Identität gibt, und verhalten uns entsprechend. Deshalb ist es entsetzlich und gefährlich, durch den Boden, der unter uns nachgibt, in einen Raum zu stürzen, wo es keine zustimmenden, ja, wo es nicht einmal mehr missbilligende Blicke gibt.

Es ist natürlich auch möglich, dass ich durch den Boden in diesen Raum ohne Blicke hineingestürzt bin, weil ich mich in meinem eigenen Stolz und meiner eigenen Selbsttäuschung verschlossen habe. In diesem Fall werde ich nie einen Blick erhaschen, sondern immer nur zum Rhythmus dieser Täuschung tanzen und mich selbst für sehr heilig und besonders halten – bis der Tod kommt. Oder ich bin vom Geist Gottes geleitet, und der Platz ohne Blicke verwandelt sich in den Raum, wo Gott mich ansieht. Und ich erfahre diesen Platz als ein „nada“, ein Nichts, das mich umgibt, und nur die anderen sind vielleicht in der Lage zu erkennen, dass dort ein „ich“ ist, das von Einem ins Leben gerufen wird, dessen Augen mich sehen, obwohl ich sie nicht sehen kann, und dessen Odem mich trägt, obwohl ich ihn nicht fühlen kann. Und natürlich werden die anderen das, was sie da ins Leben treten sehen, nicht unbedingt besser verstehen als ich selbst. Auf was für eine Reise lässt du dich ein? Ich will versuchen, es dir an einem Beispiel zu veranschaulichen. Ich weiß nicht, ob du alt genug bist, um dich an den Kalten Krieg zu erinnern. Oder ob der Kalte Krieg in deinem Teil der Welt wichtig genug war, um dich als Heranwachsenden zu beeindrucken. Eines der Nebenprodukte des Kalten Krieges war das literarische und filmische Genre der Spionagegeschichten, die von Intrigen, dem Leben im Untergrund und (schlimmstenfalls) vom Kampf der Guten gegen die Bösen oder – in einigen selteneren, besseren Fällen – von moralisch zweideutigen Menschen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs zwischen NATO und Ostblock handelten.

Versuche dir vorzustellen, du seiest einer dieser Agenten der einen oder der anderen Seite – mir fällt es am leichtesten, mir vorzustellen, ich sei ein westlicher Agent, den es tief in die kommunistischen Länder verschlagen hat. Und dann stell dir vor, dass der Chef deines Geheimdienstes dir vor langer Zeit deine Instruktionen erteilt und dir für deine Mission bestimmte „Kontaktpersonen“ genannt hat. Im Vertrauen auf diesen Rückhalt hast du dich also in die Arbeit gestürzt und tief im Feindesland begonnen, eine Gemeinschaft aufzubauen und kleine Zeichen des Königreichs aufzurichten, dem du dienst. Stell dir weiter vor, dass etwas Seltsames passiert, eine Art Umsturz in der Dienststelle, die dich beauftragt hat, ein Kurswechsel, und dass alle deine Kontaktpersonen, die dich kennen und dich vorbereitet haben, stillschweigend abberufen werden. Plötzlich stehst du ohne Verbindung zu deiner Dienststelle da. Du bist tief im Untergrund und hast plötzlich keine Deckung, keinen Rückhalt, keine Hilfsmittel und keine Identität mehr. Der Dienst schickt neue Agenten aus, die nicht einmal wissen, dass du existierst, und wenn du ihnen sagst, wer du bist, werden sie dich wahrscheinlich als Überbleibsel einer alten und inzwischen allgemein missbilligten Weise der Annäherung an das „Feindesland“ verachten, in dem du so lange „undercover“ gearbeitet hast.

Natürlich gibt es im Geheimdienst noch Menschen, die dich kennen, doch sie können es sich nicht leisten, das zu sagen. Denn wenn der Eindruck entsteht, dass sie mit dir in Verbindung stehen, würde dies ihre eigene Stellung im Dienst gefährden. Kurz: Du bist zu einer Unperson geworden. „Der existiert in unseren Büchern nicht, Madam“, lautet die stereotype Antwort, die das Hauptquartier jedem erteilt, der sich nach dir erkundigt und töricht genug ist zuzugeben, dass er dich gekannt hat. Glaubhafte Bestreitbarkeit ist das Schmieröl, das diesen Geheimdienst in Gang hält.

Was sollst du tun? Du arbeitest noch immer vor Ort, denn du liebst das Projekt, mit dem man dich ursprünglich beauftragt hatte. Doch die Kommunikation ist praktisch zusammengebrochen. Im Radio hörst du die offiziellen Stellungnahmen des Geheimdienstes. Zwischen den Zeilen liest du die „eigentliche“ Bedeutung des Gesagten, doch du existierst nicht, du hast keine Verbindung zum Hauptquartier, du bist ein Niemand. Wirst du also vor lauter Ärger und Groll über die Art, wie der Dienst dich behandelt, die Arbeit an dem Projekt aufgeben, für das man dich ursprünglich berufen und trainiert hat? Oder liebst du das Projekt so sehr, dass du sogar bereit bist, die Dienststelle zu lieben, die dich inzwischen hasst, und darauf zu vertrauen, dass die Dinge sich letzten Endes klären werden? Die Dienststelle zu lieben, wenn sie dich liebt, ist einfach, aber sie auch dann noch zu lieben, wenn sie dich verleugnet? Hier hast du nun einen Fingerzeig Gottes!

An genau dieser Stelle würde ich versuchen, dir – und mir selbst, auch wenn die Kraft oft schwindet – mit aller Deutlichkeit und allem Nachdruck bewusst zu machen, in was für einer privilegierten Situation wir uns befinden. Ja, die Verbindung zum Hauptquartier ist ausgefallen; das Hauptquartier spricht nur noch von einem „sie“ und spricht dich nicht als „du“ an; und ja, entweder wissen sie nichts von unserer Existenz, oder sie halten sich in ihrem eigenen Interesse an die glaubhafte Bestreitbarkeit, und doch können wir in der Zwischenzeit hier, tief im Feindesland, damit fortfahren, nicht nur eine winzige Ecke irgendeiner Verteidigungsanlage, sondern die katholische Kirche selbst aufzubauen – das Ganze, den kompletten Satz. Und das ironischerweise mit deutlich geringeren Störungen vonseiten irgendwelcher Wichtigtuer, als wenn die Kommunikation noch funktionieren würde. Wagen wir es also, unsere Liebe zu auszudehnen und ohne Erlaubnis etwas aufzubauen, während wir sehnsüchtig auf den Tag warten, an dem die Berliner Mauer fällt und die Kommunikation wiederhergestellt wird? Kannst du die Verantwortung dafür übernehmen? Kannst du ausharren?

„¡Esto va para largo …!“, „Das wird eine langwierige Sache!“ – so der weise Kommentar eines meiner Ausbilder, einer meiner Kontaktpersonen, der nicht nur ein schwuler Mann, sondern überdies Historiker ist. Er hat mir gesagt, was ich dir jetzt sage: dass der Prozess der Abstimmung auf die Wahrheit in diesem Bereich sehr viel Zeit in Anspruch nehmen wird. Und dieser Prozess wird sich nur dann vollziehen, wenn Menschen wie du und ich bereit sind, das Projekt zu lieben und uns nicht um das Durcheinander in der Dienststelle zu kümmern; wenn wir großzügig sind und den Kontaktpersonen Zeit geben, all ihren Mut zusammenzunehmen, uns aufzusuchen und uns als Mitarbeiter anzusprechen. Eines der Dinge, die uns Halt geben werden, ist die Tatsache, dass wir zu diesen geheimnisvollen Treffpunkten des Kalten Krieges zurückkehren können, an denen unser ursprünglicher Ausbilder und unsere erste Kontaktperson, der Eine, der unser Projekt als Erster ins Leben gerufen hat, uns aus alten Texten heraus und in Brot und Wein Mut und Stärke und Beharrlichkeit zusprechen wird, während die neuen Agenten ziellos hin und her rennen, sinnlosen Lärm veranstalten und es doch letzten Endes nicht schaffen, den alten Code zu knacken.

Wer weiß, mein Freund, ob diese Gelegenheit zur Kommunikation wiederkehrt? Wer weiß, ob es nicht nur ein kurzes Aufflackern ist und es den katholischen Störsendern gelingen wird, einen weiteren offenen Austausch zwischen einem katholischen „ich“ und einem katholischen „du“, die beide zufällig schwul sind, in Zukunft zu unterbinden? Oder ob der kirchliche Dauerfrost vielleicht doch zu tauen beginnt und es viel, viel leichter werden wird, miteinander zu sprechen? Wie dem auch sei – ich will dir sagen, was ich in meinen Jahren der Untergrundarbeit im Feindesland entdeckt habe: Du bist nicht allein, und Seine Verheißungen sind wahr.

Mit einer herzlichen Umarmung
von deinem Bruder
James


© 2008 James Alison